Freiluftmalerei

Die Anfänge der Freiluftmalerei in der Rhön

zu Tour 12 | Tour 13

„Die Rhön ist schön“ ist eines der Schlagworte, mit denen unser Wandergebiet gern plakatiert wird. Schon die frühen Landschaftsmaler waren dieser Meinung – und die Rhön wurde eine der meistgemalten Landschaften Deutschlands.

Als um die Mitte des 19. Jahrhunderts Maschinenwesen und Verstädterung um sich griffen, begannen die Menschen im Gegenzug, die Natur mit neuen Augen zu sehen. Wanderführer erschienen und suchten die Schönheiten ausgewählter Landschaften dem Erholung suchenden Städter zu erschließen – und in der Malerei rückte die aus dem intimen Erleben der Natur heraus gemalte Landschaft ins Interesse der nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten suchenden Künstler.

Hatte man bis dahin den Zeitgeist mit klassischen oder romantischen Sujets bedient, bei denen die Landschaft heroische oder sonstwie das Gemüt anrührende Kulisse für den eigentlichen, dem Reich der Ideen entspringenden Bildinhalt war, so rückte nun der malerische Reiz einer „Landschaft an sich“ in den Mittelpunkt des Interesses. Zugleich zog es die Künstler aus den Ateliers hinaus aufs Land, wo sie an der frischen Luft malten.

Zentrum dieser das Malen in freier Natur propagierenden Bewegung wurde um die Mitte des 19. Jahrhunderts das 60 km südlich von Paris gelegene Dörfchen Barbizon. Die Schlagworte, welche – wegbereitend dem Impressionismus – von Barbizon aus die Welt der Malerei eroberten, waren pleinair und paysage intime: Die „Freiluft“-Malerei suchte, das intime Eigenwesen einer Landschaft zu ergründen. Revolutionär war dabei die Entdeckung des malerischen Reizes bisher unbeachteter Motive wie einzelner Baumgruppen, blühender Wiesen, wogender Kornfelder.

In Deutschland entdeckten um diese Zeit einige Maler das Dorf Kleinsassen am Fuße der Milseburg, die für fast ein Jahrhundert eine geradezu magische Anziehungskraft auf die Landschaftsmaler ausüben sollte. Kaum ein Maler der Rhönlandschaft, der diesen eigenwilligsten der Rhönberge mit seiner je nach Blickrichtung wechselnden Umrißlinie nicht in seine Bildwelt aufgenommen hätte.

Kleinsassen wurde in den 60er und 70er Jahren des 19. Jahrhunderts eine Art Sommerresidenz der großstädtischen Kunstakademien, speziell aus Düsseldorf und Weimar kamen Malschüler mit ihren Professoren. Mag auch das Wort vom „deutschen Barbizon“ die Sache im Kern treffen, so bestanden doch gewichtige Unterschiede zur Mutterkolonie der Landschafter: Kleinsassen war nicht antiakademisch, sondern eine Art Außenstelle der Akademien. Darüberhinaus war das Rhöndorf nicht stilbildend, vielmehr trafen sich hier Vertreter der verschiedensten Stilrichtungen, denen einzig die betonte Hinwendung zur Landschaft gemeinsam war. Schließlich entstand auch keine Kolonie wie in den achtziger Jahren in Dachau und Worpswede, vielmehr hielten sich die meisten Künstler nur zeitweilig in Kleinsassen auf – nur die beiden bedeutendsten Rhönmaler waren ansässig.

Der gebürtige Düsseldorfer Julius von Kreyfelt (1863-1947) war als Student der Kunstakademie seiner Heimatstadt erstmals 1883 nach Kleinsassen gekommen, 1887 heiratete er die Tochter eines dortigen Wirts. Kreyfelt war einer der produktivsten und zugleich kommerziell erfolgreichsten Rhönmaler, der sich zur Zentralfigur, ja zum Mäzen des Dorfes entwickelte. Um die Jahrhundertwende baute er ein vierstöckiges Malerhotel mit Ateliers, von 1919 bis 1924 bewirtschaftete er auch die Milseburghütte des Rhönklubs.

Paul Klüber (1904-1945) wiederum war der einzige in Kleinsassen selbst geborene Maler von Bedeutung. Der eigenwillige Sohn eines Landbriefträgers besuchte zwar kurzzeitig die Kasseler Kunstakademie, kehrte aber schon bald eher verwirrt denn künstlerisch gefördert wieder in sein Heimatdorf zurück. In bewußtem Gegensatz zur Malweise von Kreyfelts suchte und fand er seinen ureigenen Malstil, was umso bewundernswerter ist, als sich seine Bilder nicht so gut verkauften wie die des Altmeisters und Klüber zum Überleben auch viele Bildchen für den „Hausgebrauch“ malen mußte. Vor allem Rhöndisteln waren seine Spezialität. Unter seinen ernsthaften Werken dominiert die Milseburg, die in nachgerade manischer Einseitigkeit Mittelpunkt seines Schaffens wurde, wobei er sie fast ausschließlich von Westen malte. Diese Ansicht der langgestreckten „Schokoladenseite“ des Berges dominiert zwar auch bei anderen Malern, bei Klüber aber wurde sie zur Obssession. Bei der großen Werkausstellung von 1984/85 in Kleinsassen waren rund vierzig Gemälde mit dieser Perspektive zu sehen!

Mit dem Tode der beiden ansässigen Maler – Klüber blieb im Krieg verschollen, Kreyfelt starb hochbetagt 1947 – endete zunächst die Geschichte Kleinsassens als Malerdorf, zumal die Landschaft für jüngere Maler kein Thema mehr war. Ein Neuanfang wurde 1979 in zeitgemäßer Form mit der Kunststation Kleinsassen gewagt. In der ehemaligen Dorfschule wurden Ausstellungsräume eingerichtet, in der Umgebung entstand ein Skulpturenpark, regelmäßig werden Malkurse, Workshops und Symposien veranstaltet. Die Landschaft ist nicht mehr das zentrale Thema, die verschiedensten Kunstrichtungen finden ein Forum, im Sommer finden Kunstwochen mit Volksfestcharakter statt.

Literatur

Einen einzigartigen Einblick in unser Wandergebiet gewährt das Buch „Die Rhön in der Malerei“ (1996, antiquarisch) von Ludwig Steinfeld , das auf 48 farbigen Kunstdrucken die bedeutendsten Werke der Rhönmalerei präsentiert (Rhönverlag Hünfeld).

Wer sich näher mit der Geschichte des Künstlerdorfes Kleinsassen und seiner bedeutendsten Vertreter beschäftigen möchte, sei auf das schön zu lesende Buch „Künstlerleben – Lebenskünstler“ von Paul Birkenbach hingewiesen (1994, antiquarisch). .

Außerdem gibt es das umfangreiche Lexikon von Jürgen Wollmann: „Die Willingshäuser Malerkolonie und die Malerkolonie Kleinsassen“ , Fulda 1992 (DM 248).

Advertisements

Eine Antwort

  1. Hallo
    Schöne Seite über die Rhön.Ich besitze von Nibergall zwei sehr schöne Gemälden.Nibergall hat auch Ausenwand Bilder mit Motiven von der Rhön gemalt
    War oft hier in meiner Jugend
    gruß

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: