Segelflug

Vom Hangwind zur Thermik

Die Wasserkuppe als Wiege des Segelflugs

Pedro Schmiegelow "Segelflieger auf der Wasserkuppe", Gouache von 1922Als sich am 18. August 1922 erstmals ein Mensch ohne Motorkraft über eine Stunde lang im Hangaufwind der Wasserkuppe hielt, ging die Nachricht von den „Vogelmenschen in der Rhön“ als Weltsensation um den Erdball – und das windige Dach Hessens wurde der berühmteste Berg Deutschlands.

Begonnen hatte die Geschichte 1911, als eine Gruppe Darmstädter Gymnasiasten die kahle Wasserkuppe (950 m) als ideales Gleitfluggelände entdeckte. Ein Jahr später schon verbesserte einer der Pennäler den sechzehn Jahre alten Streckenweltrekord Otto Lilienthals von 360 m auf 840 m, aber das erregte kein größeres Aufsehen.

Daß die Bestmarke so lange Bestand gehabt hatte, lag an der stürmischen Entwicklung des Motorflugs seit den ersten Hoppsern der Gebrüder Wright 1903. Er allein bot die Möglichkeit richtigen Fliegens, beim Gleitflug ging es ja immer geradeaus und bergab, selten für länger als eine Minute. Nur für jugendliche Flugenthusiasten war das noch eine Herausforderung – bis sie den Motorpilotenschein machen durften.

Das wäre wohl für immer so geblieben, hätten nicht die Siegermächte des 1. Weltkriegs ein Flugverbot über die Deutschen verhängt. Die heimgekehrten Weltkriegspiloten saßen am Boden fest – bis einer entdeckte, daß motorloses Fliegen ja nicht verboten war! Damit kam der „Kinderkram“ wieder zu Ehren als Möglichkeit, sich wenigstens ein bißchen in die geliebten Lüfte zu schwingen. Für den Sommer 1920 wurde ein Gleitflugwettbewerb auf der Wasserkuppe ausgeschrieben, der die Initialzündung für eine atemberaubende Entwicklung war, die sowohl das Gerät, als auch Startmethode und Flugtaktik betraf.

Die erfahrenen Motorflieger, die sich jetzt neu mit dem Gleitflug befaßten, glichen das Fluggerät rasch der äußeren Form nach dem Motorflugzeug an. Beim herkömmlichen Hängegleiter hing der Pilot ja – daher der Name – in einem barrenartigen Gestell unter den Flügeln und lenkte durch Gewichtsverlagerung. Jetzt setzte sich das verkleidete Rumpfflugzeug mit mechanischer Steuerung durch, in welchem der Pilot saß.

Hinzu kam eine neue Startmethode: Statt auf eigenen Beinen gegen den Wind anzurennen, wurde die Flugkiste mitsamt Piloten per Gummiseil vom Hang weg katapultiert. Mit diesen Neuerungen wurde gleich beim ersten Wettbewerb 1920 der Pennäler-Weltrekord von 1912 um knapp 1 km übertroffen (1.830 m Strecke in 2:22 Minuten).

Der nächste und für die Entwicklung zum eigentlichen Segel-„Flug“ entscheidende Schritt – die Entdeckung einer nachhaltigen Auftriebsquelle – ließ interessanter Weise noch zwei Jahre auf sich warten. Man schwebte weiterhin mehr oder weniger geradeaus zu Tal und hoffte, mit Unterstützung zufälliger Böen möglichst weit zu kommen. Erst beim dritten Rhönwettbewerb 1922 kam jemand auf die Idee, Achterschleifen fliegend im Wind vor dem Hang zu kreuzen – der Hangwind als anhaltende Auftriebsquelle war entdeckt.

Dieser Durchbruch in der Flugtaktik führte schon nach wenigen Tagen zu jenem sensationellen ersten Stundenflug eines Seglers, der die Wasserkuppe weltberühmt machte. Dabei wurden noch zwei weitere Weltrekorde aufgestellt: 8,9 km Strecke und 108 m Höhe über Start.

Weil dieser Flug über dem Gebiet von Tour 3 verlief, sei hier der Bericht des Piloten Arthur Martens – leicht gekürzt – wiedergegeben:

„Eine kräftige Bö wird abgewartet. Scharf kommt das Kommando ‚Los!‘ aus dem Führersitz, und schon durcheilt der Vampyr das ihm so vertraute Element. Steigend, immer weiter steigend, nähert sich der große Segler lansam der steilen Wand am Westhange, und allmählich stelle ich ihn mit leichtem Steuerdruck schräg zum Hang. Wie ein Segelboot, quer zum Winde, nähert sich der Vampyr schnell dem Pferdskopf-Kegel, der tiefer und tiefer unter mir versinkt. Jetzt bin ich senkrecht über dem Berggipfel am Ende des Hanges und die erste Kehrtwendung muß kommen. Die Wendung ist geglückt! Mit großer Fahrt eilt der Vampyr zum Abflugort zurück und wird jubelnd begrüßt von Tausenden von Zuschauern, die sich dort unten versammelt haben. Wenige Augenblicke später steht der Segler schon wieder turmhoch über der steilen Westwand. Zur Linken sehe ich wieder den Pferdskopf tiefer und tiefer sinken. Zum zweiten Male wende ich über dem Eube-Kessel, um wiederum, auf den Hang zufliegend, zum Startplatz zurückzusteuern.“

Um Martens die Dauer seines Fluges anzuzeigen, bilden die Zuschauer auf dem Boden Zahlen. 18, 25 Minuten zeigen sie dem Piloten an. „Schlag auf Schlag treffen starke Böen den Segler, stärker und stärker weht der Wind, und sprunghaft, aller Erdenschwere spottend, zieht der Vampyr wieder dem Himmelblau entgegen. Jetzt ist der Bann gebrochen! Schon aus weiter Ferne erkenne ich nach der neunten Wende die große lebende Zahl ’40‘. Jetzt liegt sie senkrecht unter mir, und von vielhundertstimmigem ‚Hurra‘ werde ich begrüßt.“ Martens dreht noch eine Ehrenrunde und gleitet dann ins weite Tal hinaus, um die Stunde voll zu machen und landet fast 9 km entfernt, jenseits der Ebersburg, bei Weyhers. Schon 6 Tage später wird die Bestmarke im Dauerflug auf über 3 Stunden geschraubt.

Schon dieser rasche Entwicklungssprung – Verdreifachung innerhalb einer Woche – wies auf die Grenzen dieser Art des Segelflugs: Die Dauerrekorde entwickelten sich exponentiell, Streckenrekorde linear. Man konnte sich zwar immer länger in der Luft halten, kam aber nicht sehr weit. Längere Strecken konnten nur mühsam entlang von Bergzügen geflogen werden, indem man sich im Sinkflug von Hang zu Hang hangelte, wo man wieder Höhe für das nächste Teilstück tankte. Über der Ebene „soff“ man ab.

Mit der Einweihung des Fliegerdenkmals im August 1923 war der Höhepunkt der Segelflugbegeisterung erreicht, schon im folgenden Jahr kam die Krise. Der Motorflug war wieder erlaubt worden, gegenüber dessen „unbegrenzten“ Möglichkeiten der Segelflug trotz aller Entwicklung ein eingeschränktes Vergnügen blieb.

Die Rettung kam mit der Entdeckung einer vom Geländeprofil unabhängigen Auftriebsquelle, der Thermik – Wärmeaufwinden. Sie begann 1926 mit der Entdeckung thermischer Aufwindstürme in Gewitterwolken, 1928 wurde dann die Bodenwärme als nachhaltige und sichere Aufwindquelle entdeckt, wie sie sich in freier Atmosphäre nach längerer Sonneneinstrahlung bildet, z.B. über reifen Kornfeldern.

Durch enges Kreisen in dem so entstehenden Aufwind-„Schlauch“ läßt sich dieser nutzen, um einem Adler gleich in die Höhe zu kreisen. 1000 m, 2000 m über Start, die Höhenrekorde purzelten, aber auch der Streckenflug erreichte neue Dimensionen, schon 1929 flog erstmals ein Segelflieger über 100 km weit. Das Problem des motorlosen Fliegens über der Ebene war gelöst. Um aus dieser auch aufsteigen zu können, wurden motorbetriebene Startmethoden entwickelt, Winden- und Motorflugzeug-Schlepp.

Mit der Entdeckung einer geländeprofilunabhängigen Auftriebquelle änderte sich die Kunst des Segelfliegens fundamental: War bis dato der Blick des Piloten nach unten auf das den Wind lenkende Landschaftsrelief gerichtet, so richtete er sich jetzt nach oben, zu den Wolken, die sich über Wärmeaufwindgebieten bilden, diese verratend. Statt von Hang zu Hang, flog man jetzt von Wolke zu Wolke – und immer weiter von der Wasserkuppe weg, die ein Segelflugplatz unter vielen wurde.

Grundlagen des Segelfliegens (Abbildungen von dieser Seite)

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