21 – Die Heimat des Rhön-Paulus

Rechts und links des Feldatals bei Dermbach

Erst geht es auf einen wenig bekannten „Supergipfel“ der Rhön, dann in die Wälder, in denen sich einst ein berüchtigter Räuber verbarg.

Foto oben: Stefan Etzel; unten: Erich Gutberlet (aus dem Buch) | Album der Tour

3 Einkehrmöglichkeiten unterwegs. Detaillierte Wegbeschreibung, Karte, Höhenprofil und Hintergrundinfos im Buch.

Der Rhön-Paulus

Als im 18. Jahrhundert in Deutschland das Räuberunwesen blühte, blieb die Rhön davon weitgehend verschont. Lichtscheue Elemente fühlten sich in den benachbarten Spessartwäldern wohler als im „Land der offenen Fernen“, wo sich denn auch nur ein Einzelgänger als „Rhönräuber“ einen Namen machte. Das Feldatal um Dermbach war sein Revier, wo man dem „Rhön-Paulus“ bis heute Denkmäler setzt.

Sein sagenhafter Ruf als „edler Räuber“, der den Reichen nahm und den Armen gab – weswegen er auch zu DDR-Zeiten als Sozialrevolutionär gefeiert wurde -, gründet freilich auf einem Mythos aus den Tagen Karl Mays. Um 1890 verarbeitete ein Heimatschriftsteller die nach über 100 Jahren noch kursierenden Anekdoten über den Spitzbuben zu spannenden Geschichten, die man bis heute erzählt. Darin wird der Rhönpaulus als echter Thüringer voll Mutterwitz und Phantasie geschildert, der das Herz auf dem rechten Fleck hatte. So kam er denn auch mehr mit List denn roher Gewalt an seine Beute und hatte – auch weil er immer wieder aus dem Gefängnis entfloh – meist die Lacher auf seiner Seite. Bis dann ein Verräter die Amtsbüttel zu seiner Höhle am Neuberg führte. Um den „schwarzen Künsten“ des Paulus vorzubeugen, sperrten sie ihn diesmal in einen eigens gefertigten Kasten, aus dem er erst unter dem Galgen frei kam.

Das Original dieses Kastens ist im Dermbacher Museum ausgestellt – falls es das Original ist! Über die Herkunft gibt es nämlich verschiedene Versionen, wobei auch nicht ganz unwahrscheinlich scheint, daß er Requisit jener Rhönpaulus-Schwänke war, deren Aufführungen sich um die Jahrhundertwende großer Beliebtheit erfreuten. Die Person des Rhönpaulus ist halt einfach nicht zu fassen. Sei es der Eintrag im Kirchbuch von Weilar, wonach 1736 der Dienstmagd Johanna Paul ein uneheliches Söhnlein getauft wurde – für diese „Nachnamen-These“ spricht neben dem Alter der soziale Status, der nur einen unehrenhaften Beruf erlaubte -, sei es die Hinrichtung, über die sich keine Urkunde findet: Der Mensch hinter dem Mythos entzieht sich jeder Nachforschung.

Hat es den Rhönpaulus überhaupt gegeben?, fragte sich daher Forstmeister Staudt und grub 1925 in der Höhle nach, die der Volksmund hartnäckig als letzten Unterschlupf des Rhönräubers nannte. Zu Tage kam eine Vorderladerpistole aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges (1756-63), Reste eines Soldatenmantels, eine Abblendlaterne und ein kleiner Kupferkessel. Alles spricht dafür, daß hier ein Mensch abseits der Gesellschaft hauste, mutmaßlich ein armer Rhöner, der sich als Kanonenfutter hatte anwerben lassen und nach Ende des Krieges in der Heimat nicht mehr Fuß fassen konnte. Allein, die Fundstücke sind verschollen. So bleibt uns vom wahren Paulus also wenig mehr als die Mär, daß er ein Räuber ohne Furcht und Tadel war – einen Mord hatte er nicht auf dem Gewissen -, der seine letzte Bestimmung posthum in seinem touristischen Marktwert fand.

——————————————-
Sie sind gerne eingeladen, unten einen Kommentar

zu dieser Wanderung oder diesem Weblog abzugeben.
——————————————-